Gesunde genetische Strukturen
beim Hinterwälder Rind
Dipl.-Ing. S. Waldmann, Dr. F. Maus und
Prof. Dr. G. Biedermann
Das Hinterwälder Rind des südlichen
Schwarzwaldes, eine der ältesten deutschen Rinderrassen, darf mit Fug und Recht als ein
Kleinod der deutschen Tierzucht angesehen werden. Infolge seiner optimalen Anpassung an
die natürlichen Bedingungen des Schwarzwaldes ist es für die Erhaltung des dortigen
Landschaftsbildes unverzichtbar. Es verkörpert gleichzeitig als altes bäuerliches
Kulturgut, das in Jahrhunderte währender Zuchtarbeit entstanden ist, ein Markenzeichen
seines Verbreitungsgebietes und damit nicht zuletzt auch eine touristische Attraktion.
Um so bedauerlicher ist es, dass die
Hinterwälder zu den in ihrer Existenz gefährdeten Rinderrassen zählen. Bereits in den
1960er Jahren mussten angesichts des dramatischen Absinkens der Bestandszahlen
Diskussionen darüber geführt werden, wie der Fortbestand der Rasse zu bewerkstelligen
sei. Neben diversen Fördermaßnahmen entschloss man sich zu einem Einkreuzungsversuch mit
Fleckvieh und Vorderwäldern zugunsten der sich vermehrt einbürgernden Mutterkuhhaltung.
Dem infolge "Blutverengung" auf eine Linie drohenden Inzuchtproblem begegnete
man zusätzlich durch "Blutauffrischung" mit fünf kleinrahmigen Vorderwälder
Bullen. Da die Mutterkuhhaltung, insbesondere für die zahlreichen Nebenerwerbsbetriebe
eine sinnvolle und arbeitsextensive Alternative, an Bedeutung und Umfang weiter zunahm,
die züchterischen Ansprüche an Milch- und Mutterkühe jedoch voneinander abweichen, ist
in der 1994 durch den zuständigen Zuchtverband beschlossenen Trennung der Hinterwälder
in zwei Teilpopulationen eine logische Konsequenz zu sehen. Einerseits kam man damit den
Mutterkuhhaltern entgegen, andererseits verband sich damit die Absicht, Landwirte von
einer völligen Aufgabe der für den Schwarzwald ökologisch höchst bedeutsamen
Rinderhaltung abzuhalten. Die Bullen blieben von der Teilung ausgenommen, um die totale
Spaltung der Rasse zu vermeiden.
Der Effekt besagter Maßnahmen lässt für
die Zukunft der kleinen Hinterwälder Population hoffen. Immerhin ist die Gesamtpopulation
der Herdbuchtiere von ca. 250 in den 1970er Jahren auf derzeit knapp 1300 Tiere
angewachsen.
Nachfolgend soll das Ergebnis einer
Analyse der Situation, in der sich die Rasse der Hinterwälder Rinder derzeit befindet,
dargestellt werden. Dabei gilt das Interesse den aus früheren Einkreuzungen stammenden
Fremdgenanteilen sowie den der Population innewohnenden Inzuchtverhältnissen.
Zu diesem Zweck wurden die
Zuchtbuchauszüge der im Jahr 2002 aktiven Hinterwälder Herdbuchtiere (79 Bullen, 698
Milchkühe, 517 Mutterkühe) einschließlich ihrer Vorfahren herangezogen. Die
Untersuchung wurde für die beiden Teilpopulationen der Milch- und Mutterkühe getrennt
vorgenommen, wobei die Bullen sowohl der Milchvieh- als auch der Mutterkuhpopulation
zugeordnet werden mussten.
Genanteile fremder
Populationen
Die von den verschiedenen Herkünften
stammenden Genanteile wurden für jeden Probanden anhand der Rassezugehörigkeit der
Vorfahren in der ältesten verfügbaren Ahnengeneration bestimmt. Daraus wurden die
durchschnittlichen Genanteile der gesamten Population ermittelt. Wie aus Tabelle 1
hervorgeht, rühren die Fremdgenanteile vorrangig von den Vorderwäldern her; Einflüsse
seitens der Schwarz- und Rotbunten spielen nur eine untergeordnete Rolle. Bei einem
Fremdgenanteil von ca. 2,5 % kann der Population der Hinterwälder somit ein hohes Maß an
Rassereinheit zuerkannt werden, wie es kaum in einer anderen deutschen Rinderpopulation
angetroffen wird.
| Tabelle 1: Genanteile
(%) der Herkunftsrassen innerhalb der aktuellen Population |
Rasse |
Milchkühe |
Mutterkühe |
Hinterwälder |
97,42 |
97,77 |
Vorderwälder |
2,44 |
2,09 |
Schwarzbunte |
0,13 |
0,14 |
Rotbunte |
0,01 |
0,00 |
Inzucht
Inzucht ist die Folge der Paarung
verwandter Individuen. Deren Verwandtschaft kommt durch einen oder mehrere gemeinsame
Ahnen zustande. Demzufolge ist ein Tier ingezüchtet, wenn auf väterlicher und
mütterlicher Seite seines Pedigrees ein oder mehrere identische Ahnen vertreten sind. In
Abhängigkeit vom Verwandtschaftsgrad der Eltern verfügt das ingezüchtete Individuun an
mehr oder weniger vielen Genorten jeweils zwei identische, herkunftsgleiche Gene. Dies ist
gleichbedeutend mit Reinerbigkeit der jeweiligen Genorte. Der Inzuchtkoeffizient F eines
Tieres drückt die Wahrscheinlichkeit für die Herkunftsgleichheit der beiden Gene eines
Genortes aus; er kann Werte zwischen 0 % und 100 % annehmen. Der durchschnittliche
Inzuchtkoeffizient einer Population verkörpert den Mittelwert der Inzuchtgrade aller ihr
angehörenden Tiere.
| Tabelle 2:
Inzuchtkoeffizienten (%) |
Inzucht |
Milchkühe |
Mutterkühe |
| Mittlerer Inzuchtkoeffizient F |
1,24 |
1,34 |
| Maximaler Inzuchtkoeffizient Fmax
|
18,75 |
25,39 |
Wie Tabelle 2 erkennen lässt,
unterscheiden sich, unter Berücksichtigung von fünf Ahnengenerationen, die
durchschnittlichen Inzuchtkoeffizienten beider
Teilpopulationen nur wenig. Inwieweit die Inzucht der Hinterwälder Population als
bedenklich einzustufen ist, lässt sich allerdings kaum ermessen. Krogmeier et al. (1997)
und Ehling et al. (1999) haben für das Gelb- und Braunvieh bzw. die Genreserve
schwarzbunter Rinder alter Zuchtrichtung Schätzwerte in ähnlicher Höhe ermittelt und
stufen diese als "moderat" bzw. "von relativ niedrigem Niveau" ein.
Diese Wertung dürfte somit auch für die Hinterwälder in Anspruch genommen werden. Wie
die maximalen Inzuchtkoeffizienten verdeutlichen, kann die Inzucht in Einzelfällen
allerdings durchaus bedenkliche Ausmaße annehmen.
Bei geringer Populationsgröße verlangt
zusätzlich die Inzuchtrate D F, d.h. die prozentuale Zunahme
der durchschnittlichen Inzucht der Population je Generation, besondere Beachtung, da die
Häufigkeit der Paarung mehr oder weniger verwandter Tiere zunimmt.
Im Durchschnitt der zurückliegenden fünf
Generationen nahm die Inzucht (D F1) bei den Kühen
beider Gruppen fast einheitlich um 0,3 % zu (Tabelle 3). Daran dürfte wesentlich der
Inzuchtanstieg von der Elterngeneration zur Generation der aktuellen Zuchttiere (D F2) beteiligt sein, denn dieser wurde in deutlich
höherem Ausmaß ermittelt. Vor allem bei den Mutterkühen ragt die Inzucht in der
jüngsten Generationsfolge besonders heraus. Demgegenüber ist künftig mit einem
geringeren Inzuchtanstieg (D F3) zu rechnen.
| Tabelle 3: Inzuchtrate
(%) |
| Inzuchtrate |
Milchkühe |
Mutterkühe |
| D F1 (durchschnittl. Inzuchtrate im Mittel von 5
Ahnengenerationen) |
0,31 |
0,33 |
| D F2 (Inzuchtrate in der letzten Generation) |
0,57 |
0,73 |
| D F3 (erwartete künftige Inzuchtrate) |
0,13 |
0,13 |
Nach allgemeiner Erfahrung sollte die
Inzuchtsteigerung je Generation 1 % nicht übersteigen. Das inzuchtbedingte Schadensrisiko
scheint sich bis zu diesem Schwellenwert in verkraftbaren Grenzen zu halten.
Wie sich anhand der geschätzten
Inzuchtraten zeigt, scheint sich die Hinterwälder Population derzeit noch weit entfernt
von besagter Gefahrenzone zu entwickeln. Zu dieser Entwicklung hat in jüngerer
Vergangenheit der angewachsene Populationsumfang und insbesondere die gestiegene Zahl an
Vatertieren beigetragen. Möglicherweise wurde aber auch bewusst auf die Paarung nicht
oder wenig verwandter Tiere Wert gelegt. Darauf gilt es auch in Zukunft zu achten. Der
relativ große Bullenbestand ist dem Umstand zu verdanken, dass in der Zucht der
Hinterwälder nach wie vor 85 % aller Vatertiere im Natursprung eingesetzt werden und die
künstliche Besamung, die zwangsläufig eine engere Blutlinienführung erwarten ließe,
nur in geringem Umfang Anwendung findet; in der Mutterkuhhaltung ist der Natursprung durch
Herdenbullen ohnehin üblich.
Erbdefekte, wie sie in verschiedenen
anderen Rinderpopulationen gelegentlich auftreten, sind in der Hinterwälder Zucht
weitgehend unbekannt.
Welche Ausmaße Inzuchtdepressionen
annehmen können, wurde in mehreren Untersuchungen anhand verschiedener Rassen
festgestellt. Aus entsprechenden Berichten geht hervor, dass Inzucht hinsichtlich der
Produktionsmerkmale im Durchschnitt der Population keine dramatisch anmutenden Wirkungen
nach sich zieht. Selbst hinsichtlich der Reproduktion und Konstitution scheinen
nachteilige Effekte von ökonomisch relevantem Ausmaß auszubleiben. Sehr hohe
Inzuchtkoeffizienten können aber in Einzelfällen sehr wohl bedenklich sein.

"Deckbullen sind ein Garant für eine niedrige
Inzuchtrate kleiner Populationen"

"Vorteilhaft für die kleine Hinterwälderpopulation ist
die gemeinsame Betreuung
der Milch- und Mutterkühe durch die RBW- Aussenstelle Donaueschingen.
Auf dem Bild Mutterkühe bei Bernau" - Fotos: Dr. Maus
Fazit
Wenngleich es sich bei der Rasse der
Hinterwälder Rinder um eine kleine Population handelt, findet man in ihr recht
"gesunde" Strukturen. Langfristig wird eine kritische mittlere Inzuchthöhe
möglicherweise nicht vermeidbar sein. Deshalb ist die Aufrechterhaltung des
Populationsumfanges und insbesondere der Bullenzahl entscheidend. Zudem ist die
Beibehaltung der angelegten Spermareserve von Hinterwälder Bullen als sicherheitsbildende
Maßnahme von besonderem Wert. Diese muss regelmäßig durch Samen jüngerer, unverwandter
Bullen aktualisiert werden. Schließlich kann im Bedarfsfall auf die züchterische
Zusammenarbeit mit der seit etlichen Jahren existierenden schweizerischen Hinterwälder
Population zurückgegriffen werden. Vorerst besteht hierzu jedoch noch keine
Notwendigkeit.
Dipl.-Ing.
Susanne Waldmann, Prof. Dr. Günter Biedermann, Universität Kassel, Fachgebiet Tierzucht,
Nordbahnhofstr. 1a, 37213 Witzenhausen
Dr. Franz Maus, Referat Tierzucht, ALLB Donaueschingen, Moltkestr. 8, 78166 Donaueschingen
Literatur
Ehling, C., T.
Schmidt und H. Niemann, 1999: Untersuchungen zur genetischen Struktur und Diversität der
Genreserve Deutscher Schwarzbunter Rinder alter Zuchtrichtung. Züchtungskunde 71,
130-146.
Krogmeier, D., J. Aumann und G. Averdunk, 1997: Untersuchungen zur Inzucht in der
Gelbvieh- und Braunviehpopulation in Süddeutschland. Züchtungskunde 69, 233-243.
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