|
| |
< zurück >
Gefährdete Rinderrassen
in Baden-Württemberg
|
| In Baden-Württemberg gibt es vier gefährdete Rinderrassen: Die Limpurger, die
Hinterwälder, das Original Braunvieh und die Vorderwälder. In der roten Liste der
bedrohten Nutztierrassen gelten die Limpurger als extrem gefährdet, Original Braunvieh
als stark gefährdet, die Hinterwälder als gefährdet und die Vorderwälder als "zur
Bestandsbeobachtung" eingestuft. In den letzten Jahrzehnten ist eine deutliche
Konzentration auf wenige Rassen festzustellen: |
| Hatten - auf Deutschland bezogen - in der Herdbuchzucht die 3 Hauptrassen
Deutsche Holstein, Deutsches Fleckvieh und Deutsches Braunvieh 1951 einen Anteil von 86,7
% aller Rassen, so waren das 1997 96,1 % ! Die Gründe für diese Entwicklung liegen zum
einen darin, dass die Milch deutlich an Wirtschaftlichkeit gewonnen hat, was zu einer
Bevorzugung der Rassen mit größeren Tierzahlen führte, die höhere Zuchtfortschritte in
der Milchleistung erreichten als Rassen mit kleineren Tierzahlen. Zum anderen hat die
schnelle Einführung der Maschinenenergie in der Landwirtschaft die früher sehr wichtige
Nutzungsrichtung der "Rinderzugkraft" total verdrängt. |
| Nun stellt sich die Frage, wieso diese "alten" Rassen dennoch
gehalten und gezüchtet werden. Hier lässt sich sagen, dass alle etwas Besonderes
verkörpern, das in der Umwelt, in der die Tiere gehalten werden, Vorteile gegenüber den
Hauptrassen bringt. Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Die Hinterwälderkuh wiegt im
Durchschnitt 430 kg. Damit ist sie bestens geeignet für die Beweidung von Steillagen, die
in ihrem Verbreitungsgebiet südlich des Feldberges das normale Umfeld darstellen. Mit
dieser Situation käme eine 750 kg Fleckviehkuh nicht zurecht. Das ist vergleichbar, im
schneereichen Gebirge mit einem Mercedes (ohne Ketten!) zu fahren anstatt mit einem
Allradauto. |
| Bei den Vorderwäldern, die im weniger schwierigen mittleren Teil des
Schwarzwaldes beheimatet sind, passen mit 550 - 650 kg Gewicht und 137 cm Widerristhöhe
mittlere Gewichte und Maße. Auch die Limpurger Rasse ist in Gewicht und Maßen den
Vorderwäldern vergleichbar, auch sie entstammt aus den schwäbischen und hohenlohischen
Berglandschaften mittleren Umweltverhältnissen. |
| Anders verhält sich die Entwicklung beim Original Braunvieh: Beim Braunvieh
gab es eine rasante Umzüchtung zur reinen Milchrasse. Hier liegt die Motivation für
Original Braunvieh darin, den ursprünglichen "Doppelnutzungstyp", das heißt
die Milch- und Fleischnutzung, aufrecht zu erhalten. Motivierend für die Haltung ist
auch, dass "Doppelnutzungsrassen" - und das sind alle vier beschriebenen -
robuster sind als die reinen Milchrassen. Robuster heißt, dass die Kühe älter werden,
weniger den Tierarzt benötigen und der Aufwand im Umgang mit ihnen geringer ist. Diese
Doppelnutzung führte bei allen vier Rassen auch dazu, dass sie in der Mutterkuhhaltung
hervorragende Zahlen schreiben, weil die Milchergibigkeit ein schnelles Jugendwachstum
ermöglicht und die Bildung von Fleisch genetisch abgesichert ist. Zudem wirkt
motivierend, dass - mit Ausnahme der Vorderwälder - das Besondere dieser Rassen auch
Nachfrage nach außerhalb ausgelöst hat und diese Tiere gesucht sind, vor allem für die
Mutterkuhhaltung in extensiver Haltung und Umwelt. Natürlich spielt die Förderung eine
Rolle, und es ist erfreulich, dass das Land Baden-Württemberg diese Rassen zusammen mit
der EU finanziell unterstützt. |
| Welche Untersuchungen wurden und werden angestrengt, um das Besondere der
Rassen darzustellen? Bei der Rindfleischqualität gibt es
bekanntermaßen auch genetische Rassenunterschiede. Hierzu wurden Hinterwälderbullen auf
die Fleischqualität hin untersucht. Dabei wurde anhand physikalischer und sensorischer
Tests die Zartheit des Fleisches als das Hauptkriterium einer guten Fleischqualität
gewürdigt. Zur Zeit werden 20 Vorderwälderbullen aufgezogen, um an ihnen auch die
Fleischqualität zu untersuchen. Erfahrungen sprechen dafür, dass die Vorderwälderrasse
ebenfalls ein zartes Fleisch aufweist. Weiterhin ist geplant, im Rahmen des Naturpark
Schwarzwald Vorderwälderochsen auf der Weide zu halten und mit Mehrerlös zu vermarkten. |
| Versuchsergebnisse mit Mutterkühen an der LVVG Aulendorf bestätigten, das die
Hinterwälderkuh mit schlechterem Futter gleiche Leistungen bringt wie großrahmige
Rassen. Ein ehemaliger Schweizer Braunviehspitzenzüchter hat seine
Viehherde auf Hinterwälder umgestellt und sagt, dass er unter dem Strich mehr hat als
vorher, weil das Aufwands- Ertragsverhältnis besser sei. Der Umstellungsgrund war die
schon angesprochene rasante Umzüchtung des Braunviehs zur großrahmigen reinen
Milchrasse. |
| Bei den Limpurgern wird die gute Fleischqualität ebenfalls seit langem
gewürdigt, allerdings ist sie wissenschaftlich noch nicht überprüft worden. Dies hängt
damit zusammen, dass mindestens 12 Tiere gleicher Kategorie (z.B. Bullen) unter
einheitlichen Bedingungen zeitgleich gehalten werden müssen, um statistische
Aussagemöglichkeiten machen zu können. Dazu sind die Tierzahlen bei den Limpurgern noch
zu gering. Gleiches trifft auch für Orginal Braunvieh zu. Zur Zeit
läuft bei den Limpurgern ein Modellvorhaben, in welchem Unterschiede verschiedener
Rotviehpopulationen molekulargenetisch untersucht werden. |
| Aus jährlichen Untersuchungen liegen Milchleistungs- und
Fleischleistungsergebnisse vor, die die Würdigkeit der Rassen in ihrem schon
angesprochenen Haltungsgebiet unter Beweis stellen. Auch Zusatzleistungen der
Milchviehhaltung werden erfasst und belegen, dass die Kühe der angesprochenen Rassen
älter, fruchtbarer und geeigneter für schwierige Standorte sind. Welche
Perspektiven lassen sich für die vier Rassen ableiten?
Nun, das Besondere hat in letzter Zeit etwas "Konjunktur" bekommen, so
dass die Perspektiven gar nicht so schlecht aussehen dürften. Gerade die oben
angesprochenen spezifischen Qualitäten überzeugen und sprechen für rassebezogene
Vermarktungswege beispielsweise für Hinterwälder- oder Limpurgerfleisch. Dies fördert
natürlich die Haltung, wenn preislich ein Mehrwert zu erzielen ist. Hier gibt es gute
Ansätze im Gastronomiebereich und in der Direktvermarktung. Da die vier Rassen in der
Regel in benachteiligten Gebieten gehalten werden, hängt ihre Zukunft auch vom
politischen Willen ab, in diesen Gebieten weiterhin Landwirtschaft haben zu wollen, was
nur über angemessene Förderung möglich ist. Auf jeden Fall sind die Limpurger und Co.
geeignet für die Landschaftspflege und -offenhaltung, ohne die beispielsweise der
Fremdenverkehr im Schwarzwald oder im Allgäu schwer leiden und zurückgehen würde. |
| Vermutlich ist aus verschiedenen Gründen damit zu rechnen, dass die
Milchviehhaltung zu Gunsten der Mutterkuhhaltung zurückgehen wird. Da
bei den vier Rassen die Betriebe vielfach im Neben- oder Zuerwerb umgetrieben werden, ist
natürlich die außerlandwirtschaftliche Verdienstmöglichkeit von entscheidender
Bedeutung. |
| Aus dem Geschriebenen wird deutlich, dass die vier gefährdeten Rinderrassen
etwas Besonderes aufweisen, das teilweise schon für eine "Belebung" gesorgt
hat. Es gibt Ansätze für eine Ausweitung, in dem dieses Besondere
"marktwirksam" aufgearbeitet wird. Falls es zu einer stärkeren Umstellung auf
Ökobetriebe kommen sollte, müssten die vier Rassen davon profitieren, weil sie gut zur
ökologischen Idee passen. Für alle vier Rassen gilt: "Merk den
Süden, einmalig auch seine Rinderrassen." |
| Mehr Info: Rinderunion Baden- Württemberg e.
V.
Erisdorferdtr. 42-44
70599 Stuttgart
Tel.: 0711/167850; Fax.: 07111678533; E-mail: info@Rind-BW.de
Internet: http://www.Rind-BW.de
Aussenstelle Donaueschingen
Moltkestr. 8
78166 Donaueschingen
Tel.: 0771/836413; Fax: 0771/836420; E-mail: maus@rind-BW.de
Arche nova, Fachzeitschrift für gefährdete Nutztierrassen
Am Eschenbornrasen 11, 37213 Witzenhausen
Tel. 05542-1864, Fax 05542-72560;
E-mail: geh.witzenhausen@t-online.de
Erscheinungsweise: 4 mal pro Jahr |
| Dr. Maus - 02/2001 |
< zurück >
|