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Intensität der Jungviehaufzucht
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| Eine rentable Milchproduktion erfordert hohe Milchleistungen. Die
genetischen Voraussetzungen hierfür sind bei allen bedeutenden Milch- und
Zweinutzungsrassen inzwischen geschaffen und werden durch intensive züchterische Arbeit
weiter verbessert. Obwohl bereits bei Gründung der Viehzuchtgenossenschaften vor über
100 Jahren die Verbesserung der Jungviehaufzucht ein Ziel dieser Zusammen-schlüsse war,
wird bis heute diesem Betriebszweig häufig zu wenig Beachtung geschenkt. |
| Das Bemühen um eine optimale Leistung darf nicht erst mit dem
Einsetzen der Milchleistung beginnen, sondern hat zeitlich sehr viel früher, das heißt
bereits im Jungtierstadium zu erfolgen. |
| Das Ziel einer modernen Jungviehaufzucht ist eine leistungsfähige
Milchkuh mit gutem Durchhaltevermögen. Anzustreben sind dabei Erstlaktionen, die etwa bei
85 % der im Zuchtziel der einzelnen Rassen festgelegten Leistungen liegen. Bei Fleckvieh
sind dies folglich Erstlaktationen von über 6000 kg Milch. Das Durchhaltevermögen
ausgedrückt als Persistenz, also die Leistung der zweiten hundert Melktage in Relation zu
den ersten hundert Melktagen, sollte mindestens bei 85 % liegen. Kühe mit einem solchen
Durchhaltevermögen haben flache Laktationskurven, sind stoffwechselstabil und sind als
Folge davon gesünder und fruchtbarer als Kühe mit sehr steilen Laktationskurven. |
| Gesundheit und gute Fruchtbarkeit sind Grundvoraussetzungen um hohe
Lebensleistungen zu erzielen. Anzustreben sind Lebensleistungen von 30000 kg Milch und
mehr, das heißt eine Nutzung über mindestens vier Laktationen. Die derzeit in
Baden-Württemberg bei allen Rassen erzielten Lebensleistungen liegen allerdings im
Rassendurchschnitt noch deutlich unter 20000 kg Milch. Die Verlängerung der Nutzungsdauer
ist schon deshalb wünschenswert, weil bei allen Rassen eine Steigerung der Leistungen von
Laktation zu Laktation erfolgt und die höchsten Leistungen erst nach der vierten Kalbung
erzielt werden. Voraussetzung hierfür ist auch ein großes Futteraufnahmevermögen der
Kühe, welches eng mit dem Rahmen der Kühe korreliert ist. Bei guter Länge, Breite und
Tiefe sollte deshalb die Kreuzbeinhöhe bei Fleckvieh mehr als 140 cm betragen. An diesen
Zielen hat sich die Jungviehaufzucht auszurichten. Eine vordergründige Ausrichtung auf
möglichst geringe Aufzuchtkosten kann diesen Zielen nicht gerecht werden. |
| Entscheidendes 1. Lebensjahr Der
Aufzucht im ersten Lebensjahr kommt für die spätere Leistungsfähigkeit ganz
entscheidende Bedeutung zu. Es ist die Zeit des intensivsten Größenwachstums so wie der
Entwicklung der wichtigsten Stoffwechselorgane. Gravierende Fehler während der Aufzucht
führen in diesem Alter häufig zu irreversiblen Schäden und verringern die Lebensleitung
erheblich. Man kann das erste Lebensjahr in drei Phasen, Tränkeperiode, Fresserperiode
und zweites Lebenshalbjahr, einteilen, welche jeweils unterschiedliche Anforderungen
stellen. |
| Ziel der Tränkeperiode in der Rinderaufzucht ist
nicht allein eine gute Gewichtsentwicklung, sondern insbesondere auch eine gute
Pansenentwicklung. Dies ist die wesentliche Voraussetzung um den Wechsel in die
nachfolgende Fresserperiode ohne Wachstumsknick zu schaffen. Da das Kalb nach dem Absetzen
der Tränke hauptsächlich von den leicht verfügbaren Nährstoffen aus dem Kraftfutter
lebt, kommt der Kraftfutteraufnahme in diesem Altersabschnitt zentrale Bedeutung zu.
Unabhängig vom Tränkeverfahren muß zum Zeitpunkt des Absetzens eine Mindestaufnahme von
1 kg Kraftfutter pro Kalb und Tag gewährleistet sein. Hierzu ist den Kälbern schon ab
der zweiten Lebenswoche gutes Heu und Kraftfutter anzubieten. Zu erwähnen ist auch die
Bedeutung einer frühzeitigen, innerhalb der ersten drei Lebensstunden, und ausreichenden
Biestmilchgabe für den Aufbau einer guten Immunität des Kalbes. Die Biestmilch ist dabei
lieber öfters als in zu großen Einzelgaben zu verabreichen, da das Labmagenvolumen des
Kalbes nur etwa 0,75 l beträgt. In Betrieben mit Durchfallproblemen bei Kälbern ist je
nach Erreger eine geeignete Impfprophylaxe bzw. eine Ansäuerung der Milch vorzunehmen. |
| Die eigentlich kritische Phase stellt in den meisten Betrieben die Fresserperiode
vom vierten bis sechsten Lebensmonat dar. Sie ist dadurch gekennzeichnet, daß die Tiere
nur ein begrenztes Futteraufnahmevermögen, das anfangs ca. 2,8 kg und gegen Ende ca. 4,5
kg beträgt, sowie noch nicht voll ausgebildete Vormägen besitzen. Die
Kraftfutteraufnahme ist deshalb in dieser Zeit auf 1,5 kg pro Tier und Tag zu steigern.
Zur Verfütterung eignen sich insbesondere gutes Heu und Maissilage. Da Heu den eindeutig
besten Effekt für die weitere Entwicklung des Pansens bringt, sollte Heu nicht vor dem
sechsten Lebensmonat durch Grassilage ersetzt werden. Eine Verfütterung von Grünfutter
in dieser Periode ist abzulehnen, da es dabei häufig zu Durchfällen kommt, welche die
körperliche Entwicklung verschlechtern. Der wohl gravierendste Fehler, welcher in dieser
Phase begangen werden kann, ist die Haltung der Tiere auf Vollspaltenböden. Jungrinder in
diesem Alter sind nicht in der Lage ihren Wärmehaushalt beim Liegen auf den Spalten
vernünftig zu regeln. Die Folgen hiervon sind eigentlich in allen Betrieben dieselben.
Über einen längeren Zeitraum wachsen bei den Tieren nur noch die Haare und soweit
vorhanden die Hörner. Fatal wird es insbesondere dann, wenn in dieser Phase in Folge der
Immundepression auch noch Atemwegserkrankungen hinzukommen. Dies führt eigentlich immer
zu nicht wieder gut zu machenden Schäden. |
| Als Mindestentwicklung sind bis zum Ende der Fresserperiode bei
Fleckvieh mindestens 900 g Lebenstagszunahme, also ein Gewicht von 200 kg zu fordern. Das
zweite Lebenshalbjahr bringt eine weiter steigende
Trockensubstanzaufnahme, die am Ende dieser Periode etwa 8,5 kg pro Tier und Tag erreicht.
Das Kraftfutter kann deshalb auf etwa 1 kg pro Tag reduziert werden. Es sind aber
weiterhin Grundfuttermittel guter Qualität einzusetzen. Als tägliche Zunahmen sind in
dieser Phase beim Fleckvieh mindestens 800 g pro Tag anzustreben. Daraus lassen sich
Mindestgewichte am Ende des ersten Lebensjahres von 350 kg bei Fleckvieh ableiten. Die
Note bei der Körperkonditionsbeurteilung (BCS) sollte zu diesem Zeitpunkt beim Fleckvieh
zwischen 3,25 und 3,75 liegen. In diesen Lebensabschnitt fällt auch der Eintritt der
Geschlechtsreife, welcher unabhängig vom Alter bei einem Gewicht zwischen 230 kg und 270
kg erfolgt. Eine intensivere Aufzucht bringt also auch frühere Geschlechtsreife mit sich. |
| Zuchtreife und Erstkalbealter Das
zweite Lebensjahr zeigt ein deutliches Abflachen der Wachstumskurve bei gleichzeitig
weiter steigendem TS-Aufnahmevermögen. Dies ermöglicht uns ein weiteres Zurückfahren
der Fütterungsintensität und einen völligen Verzicht auf die Verfütterung von
Kraftfutter. Auch der Einsatz größerer Maissilagemengen verbietet sich, da anderenfalls
in diesem Alter bereits deutliche Verfettungen auftreten, welche die spätere
Leistungsbereitschaft der Jungkuh negativ beeinflussen. Bei der
Körperkonditionsbewertung, die sich im Alter von 15 und 18 Monaten empfiehlt, stellt die
Note 4 bei Fleckvieh die absolute Obergrenze dar. Besonders geeignet für die Fütterung
in diesem Zeitabschnitt sind größere Mengen Grassilage, je nach Qualität eventuell
vermischt mit Stroh und im Sommer Weidegang. Letzterer bringt durch seine Klimareize nicht
nur Vorteile für die Ausbildung der Belastungsfähigkeit der Tiere sondern durch die
uneingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten auch Vorteile für den gesamten
Bewegungsapparat. Viel Futter mittlerer Energiedichte hat in diesem Alter positive
Auswirkungen auf das Futteraufnahmevermögen. |
| Ins zweite Lebensjahr fällt die Zuchtreife, das heißt die erste Belegung der
Rinder. An dieser Stelle soll deshalb zunächst auf das anzustrebende Erstkalbealter
eingegangen werden, da sich ja daraus der notwendige Belegungszeitpunkt ableitet. Vergleicht
man die Beratungsempfehlungen zum Erstkalbealter mit den in der Praxis realisierten
Werten, so zeigen sich erhebliche Diskrepanzen, auf welche nachher noch einzugehen ist.
Die Tabelle 1 zeigt auf Grund eigener Untersuchungen die
Zusammenhänge zwischen dem Gewicht der Jungkühe und ihrer Leistung. Hieraus ergibt sich
für das Fleckvieh zum Zeitpunkt 21 Tage nach der ersten Kalbung ein Mindestgewicht von
550 kg. Außerdem kann hieraus auch abgeleitet werden, daß intensiver aufgezogene Tiere
höhere Leistungen erbringen. |
Tabelle 1: Einfluß des
Gewichtes
auf die Milchmenge |
Fleckvieh - Jungkühe 1997
(Marktorte Ulm und Riedlingen) |
Gewicht
kg |
Anzahl
Tiere |
Abstand v.Kalben
(Tage) |
EKA
Monate |
Tages-
gemelk
kg |
< 540 |
39 |
33 |
31,2 |
21,3 |
540 - 599 |
161 |
36 |
30,0 |
22,7 |
600 - 659 |
184 |
36 |
31,1 |
22,6 |
> 659 |
70 |
35 |
32,1 |
22,9 |
608 |
454 |
35,6 |
30,9 |
22,6 |
|
| Als logische Folge ergibt sich daraus, daß sich die erste
Abkalbung nicht am Alter der Tiere sondern an ihrer körperlichen Entwicklung, das heißt
am Gewicht zu orientieren hat. Aus den dargestellten Mindestgewichten 21 Tage nach dem
Kalben lassen sich auch Gewichte zum Zeitpunkt der Kalbung ableiten. Fleckvieh-Jungkühe
sollten demnach vor der Kalbung mindestens 650 kg aufweisen. Daraus ergeben sich analog
auch Mindestgewichte zum Zeitpunkt der ersten Belegung, die für Fleckvieh bei 450 kg
liegen müssen. Setzen wir diese Mindestgewichte zum Zeitpunkt der ersten Belegung voraus,
so müssen wir um ein Erstkalbealter von 26 Monaten beim Fleckvieh zu erreichen im zweiten
Lebensjahr bis zur Belegung Lebenstagszunahmen von über 700 g pro Tag erzielen. Bei
Weidegang ohne entsprechende Beifütterung sind aber im Durchschnitt der Jahre meist nicht
mehr als 500 g Tageszunahmen zu erzielen. Unter diesen Bedingungen erreichen wir die
geforderten Mindestgewichte erst mit 20 bzw. 21 Monaten, womit wir unseren in der Praxis
sich ergebenden Erstkalbealtern schon sehr nahe sind. Dies erklärt dann auch, wieso im
Rassevergleich das Braunvieh, welches in der Aufzucht häufig noch gealpt wird, das
höchste durchschnittliche Erstkalbealter aufweist. Da wir uns mit der Zuchtreife an der
körperlichen Entwicklung der Tiere zu orientieren haben, bestimmt die Intensität der
Aufzucht das Erstkalbealter. Dies erklärt auch weshalb in USA, wo extrem intensiv
aufgezogen wird, Erstkalbealter unter 24 Monaten empfohlen werden. In Baden-Württemberg
erfordern die von der Beratung empfohlenen Erstkalbealter eine höhere Aufzuchtintensität
als dies derzeit in der Praxis üblich ist. |
| Vorbereitungsfütterung unerlässlich Um
ihre Leistungsfähigkeit voll entfalten zu können muß die Kalbin auf die bevorstehende
Laktation vorbereitet werden. Durch das größer werdende Volumen, welches das Kalb zum
Ende der Trächtigkeit einnimmt, verringert sich das TS-Aufnahmevermögen. Außerdem
besteht ein zusätzlicher Energiebedarf für die weitere Uterus- und Euterausbildung von
20 bis 30 MJ ME pro Tag. Die Fütterungsintensität muß deshalb sechs bis acht Wochen vor
der Kalbung wieder steigen, das Grundfutter ist in dieser Phase mit 1 kg Kraftfutter zu
ergänzen, Die Kalbin ist dann auch auf die spätere Haltungs- und Grundfuttersituation
umzustellen. Um die Pansenflora an die Situation nach der Kalbung anzupassen und um
insbesondere das Wachstum der Pansenzotten zu stimulieren, ist die Kraftfuttergabe auf bis
zu 3 kg pro Tier und Tag drei bis vier Wochen vor der Kalbung zu steigern. Die Kalbinnen
sollten zwei Monate vor der Kalbung einen Körperkonditionsnote von 3,5 bis 4,0, einen
Monat vor der Kalbung von 3,75 bis 4,25 aufweisen. Durch etwas frühere oder spätere
Umstellung und Vorbereitung läßt sich auf die Körperkondition zwar schon noch etwas
Einfluß nehmen, jedoch ist eine Korrektur bei stark verfetteten Tieren zu diesem
Zeitpunkt nicht mehr möglich und sinnvoll. Hier muß schon deutlich früher eingegriffen
werden. |
| Fazit Die Eckdaten der
Jungviehaufzucht für eine erfolgreiche Zukunft als Milchkuh sind in Tabelle 2
zusammengestellt. Jeder muß sich darüber klar werden, daß die Qualität der Aufzucht
entscheidend ist für die Qualität der Kuh. Eine gute Aufzucht ist gekennzeichnet durch
stetiges Wachstum der Tiere. Die Aufzucht im ersten und zweiten Lebensjahr muß mit
unterschiedlichen Intensitäten erfolgen. Hohe Intensität bei bestem Futter im ersten
Jahr, gedrosselte Intensität mit viel Futter im zweiten Jahr. |
Tabelle 2:
Eckdaten für eine erfolgreiche Zukunft |
Fleckvieh |
Zuchtreife |
Geburt |
1. Lakt. |
2. Lakt. |
3. Lakt. |
Alter (Mon.) |
6 |
12 |
17 - 18 |
> 25 |
21 Tage p.p. |
Gewicht (kg) |
> 200 |
> 350 |
> 450 |
> 650 |
> 550 |
> 680 |
> 750 |
in % des Endgew. |
> 25 |
> 45 |
> 55 |
> 85 |
> 70 |
> 90 |
100 |
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| Kompensatorisches Wachstum ist zu vermeiden, da es zu verstärktem
Fettansatz führt und dadurch immer auch die spätere Leistungsfähigkeit vermindert. Die
regelmäßige Körperkonditionsbeurteilung der Tiere leistet dabei wesentliche Hilfe. Die
Zuchtreife der Rinder hat sich am Gewicht der Tiere zu orientieren und nicht am Alter. Wer
ein bestimmtes Erstkalbealter anstrebt muß die Intensität seiner Aufzucht entsprechend
gestalten. Dabei sollten allerdings keine Abstriche bei der Entwicklung im ersten
Lebensjahr gemacht werden. Um das genetische Leistungspotential der Jungkühe ausschöpfen
zu können ist eine Vorbereitungsfütterung zwingend erforderlich. |
| Dr. Joachim Kieninger - Zuchtleiter
Fleckviehzuchtverband Ulm |
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